BOOGIE NIGHTS (USA 1997)

 

In der Geschichte des Pornokinos gab und gibt es immer wieder Momente, in denen eine kleine Schar von Regisseuren der künstlerische Ehrgeiz packt und versucht wird die Darstellung von realen Sex mit dem Unterhaltungsfilm verschmelzen zu lassen. In den hippiesken 70er-Jahren, wo das Videotape und damit zugleich das heimliche Filmvergnügen noch nicht verbreitet war, der Pornokonsum sich also in der Öffentlichkeit sprich im Kino abspielte, gab es für Pornofilmer mit künstlerischen Ambitionen wesentlich mehr Spielraum als heute und folgerichtig wird diese Epoche ja auch das Golden Age Of Porn genannt. Der Film Boogie Nights entführt uns in diese Zeit des Discoglamours mit all den Partys, den Drogen und der freien Liebe und stellt uns eine Gruppe von Leuten vor, die am Aufstieg und am Fall des stilvollen Pornos unmittelbar beteiligt ist. Für diese Leute nimmt sich Regisseur Paul Thomas Anderson sehr viel Zeit und somit ist Boogie Nights nicht nur ein Portrait der Pornobranche von damals, sondern zugleich eine sehr sensible Charakterstudie der der moralische Zeigefinger völlig fremd ist.

Im Zentrum von Boogie Nights steht Eddie Adams (Mark Wahlberg), ein Kellner aus einem Nachtclub von San Fernando, der von dem idealistischen Pornofilmer Jack Horner (Burt Reynolds) entdeckt wird. Jack's Traum ist es einen Film zu machen, der "wahr und tatsächlich dramatisch ist". Mit Eddie, der schon bald unter dem Künstlernamen Dirk Diggler agiert, will er diese Vision Wirklichkeit werden lassen und den Pornofilm zu Ruhm und Ehre führen, was ihm schließlich auch gelingt. Doch Jack ist nicht nur Regisseur, sondern auch eine Art Vaterersatz für verlorene Seelen. Sein Haus ist der Ort, wo sich all die Leute treffen, die im Geschäft arbeiten. Rollergirl (Heather Graham) z.B. ist ein hübsches junges Starlet, das für den Pornofilm die Schule schmeißt. Oder Dollar Swope (Don Cheadle), einer von Jack's treusten Darstellern, der nach seiner Kariere eine Familie gründen und einen eigenen Hi-Fi-Laden aufzumachen will. Jeder in Jack's Haus hat irgendeinen Traum, doch drohen diese meist an der Prüderie und Doppelmoral der Gesellschaft zu platzen. Manchmal sind auch einfach zu viele Drogen im Spiel.

Anderson gelingt es meisterhaft, die Entwicklung der Branche von den späten 70ern bis in die frühen 80er Jahre zu skizzieren. Die erste Hälfte des Films, die zwischen 1977 und 1979 spielt, ist lebhaft und mit dem Fokus auf Partys und Good Times sehr locker und tanzbar. Der Regisseur hat ein Talent, genau die richtigen Lieder für jede Szene aufzupicken. Der Soundtrack ist tatsächlich ein integraler Bestandteil des Films und das ohne dabei zu einer altbackenen Sammlung von Discohits zu verkommen. Die schrille Kleidung, die Deko und Mentalität des Zeitalters fügen sich hier nahtlos ein. 1980 ist dann plötzlich Schluss mit lustig. Die Pornoindustrie tritt ein in eine Spirale nach unten, der erwähnte Video-Massenmarkt mit seinen Billigproduktionen verdrängt jegliches Niveau, welches Jack's Filme noch hatten. Seine Regiekünste sind nicht mehr gefragt. Er versucht mit einem neuen Jüngling den Erfolg, den er mit Eddie hatte, zu wiederholen, was diesen schwer kränkt. Mit seinem Kumpel aus erfolgreicheren Tagen will Eddie jetzt eine Kariere als Rockstar starten, was kläglich scheitert. Die eben noch so fröhlichen Pornopeople koksen jetzt nicht mehr aus Lust, sondern aus Frust und es kommt zu ernsthaften Zerwürfnissen und menschlichen Tragödien.

Obwohl Mark Wahlberg die Hauptrolle spielt und die beste Leistung seiner noch jungen Karriere abliefert, wird er von Burt Reynolds leicht überschattet. Reynolds kreiert als Jack gekonnt eine Person, die trotz diverser Rückschläge an ihrer Vision festhält. Zusammen mit den Glanzleistungen von Julianne Moore, Heather Graham, Don Chadle und genial gespielten Nebenrollen, von denen es in diesem Film viele gibt, ergibt sich ein wahrhaft großes Schauspielfest. Sogar die reale Pornoikone Nina Hartley spielt ihren Part großartig, wird aber am Ende trotzdem erschossen von ihrem eifersüchtigen Ehemann (William H. Macy), der mit der freien Liebe so seine Probleme hat.

Boogie Nights ist ein drastischer, temporeicher und visuell komplett überzeugender Film der Vergleiche mit Filmen von Robert Altman oder Martin Scorsese nicht scheuen muss. Er verurteilt und beschönigt die Pornobranche in keinster Weise, sondern zeigt auf, welche Motive und Hoffnungen mit dem Golden Age Of Porn verbunden waren und wohin das alles führte. Nicht zuletzt macht er deutlich, wo der Pornofilm heute stehen könnte, wenn nicht die pure Geldgier der Produzenten und die maßlose Geilheit der Konsumenten der erotischen Filmkunst ein jähes Ende bereitet hätten und so der von Pornokritikern so oft ins Feld geführten Entmenschlichung durch Porno erst Tür und Tor geöffnet wurde. Ein wichtiger Beitrag also zur Aufarbeitung der Geschichte Pornos und zudem ein cineastisches Großereignis auch für Leute, die mit Pornofilmen eigentlich nix anfangen können.

 

Regie: Paul Thomas Anderson

Darsteller/Innen: Mark Wahlberg, Burt Reynolds, Julianne Moore, Don Cheadle, Heather Graham, John C. Reilly, William H. Macy, Nicole Parker, Luis Guzman, Philip Baker Hall, Alfred Molina, Melora Walters, Robert Ridgely, u.a.

Laufzeit: 148 Minuten

.
next>
next>