ANNA OBSESSED (USA 1977)

 

Wenn Kunst auf Pornografie trifft, hat meistens die Kunst die Nase vorn, denn die Kunst nimmt der Pornografie das Pornografische: Das Pornografische wird derart ästhetisiert, dass das Sexuelle bis zur Unkenntlichkeit sublimiert wird. Am Ende stehen dann in der Regel Bilder in Ausstellungen zur erotischer Kunst oder Filme wie Der Letzte Tango In Paris, wogegen ja auch nichts einzuwenden ist. Was jedoch auch schön ist und was leider viel zu selten selten passiert, ist, dass die Kunst der Pornografie genug Raum lässt um zu atmen so dass sie noch das bewirken kann, was sie soll: uns sexuell stimulieren. Gelungene Beispiele dieser seltenen Momente sind Bilder wie dieses und Filme wie Behind The Green Door oder Café Flesh. Was diese Werke gemeinsam haben, ist ein unübersehbarer Kunstanspruch bei gleichzeitiger pornografischer Stimulation.

Das ist toll, aber wie wäre es mal mit einem Pornofilm, der nicht in großen Lettern KUNST auf der Stirn stehen hat, dessen künstlerische Ambitionen so dezent sind, dass einem der Begriff Kunst zuerst gar nicht in den Sinn kommt, sondern der einen still und leise in seinen Bann zieht und der dabei eine einzigartige pornografische Magie entfaltet. Ein Pornofilm, der seine Kunst sogar mit einer simplen und mehr als überflüssigen Krimihandlung zu tarnen versucht, um, sei es aus Bescheidenheit oder finanziellen Kalkül, ja nicht als Kunstporno sondern eben als Pornokrimi dazustehen. Wäre das nicht schön? Das wäre es, doch finanzieller Instinkt war es offenkundig nicht, was die Regisseure Martin & Martin zu ihrem Hardcorestreifen Anna Obsessed animierte, denn der Film floppte seinerzeit an den Kinokassen. Das ist schade, denn so entging vielen Leuten ein ungewöhnlich kultiviertes Pornofilmerlebnis.

Anna Obsessed kommt auf sehr leisen Sohlen daher. In dem Film wird eher geflüstert als geschrien. Über weite Strecken wird sogar überhaupt nicht gesprochen. Wenn Musik einsetzt, dann tut sie es zurückhaltend in Form von ruhigen und weltentrückten Pianotönen. Das Geschehen besteht im Kern aus phantasievollen Sexszenen, die mit Hilfe fast statisch gefilmter Handlungssequenzen ineinander übergehen. Das Ergebnis dieses Zusammenspiels von Stille, Statik, leisen Dialogen, subversiver Musik und expressiven Sex ist ein Porno, der einem in angenehm kontemplative Stimmung vesetzt. Fast wie in Trance verfolgen wir das Geschehen, bis uns am Ende Pistolenschüsse wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen: Stimmt, es gibt ja noch die Krimihandlung, also muss ein Täter ermittelt werden - oder gar eine Täterin? Komplett egal! Was zählt ist und damit sind wir wieder am Ausgangspunkt: Kunst trifft auf Pornografie und es funktioniert. Hier allerdings ungewollt oder jedenfalls nicht so auf Teufel komm' raus gewollt und damit um so ungewöhnlicher. Innere Versunkenheit und nervöse sexuelle Erregung in einem Pornothriller, also an einem Ort, an dem man dieses nicht erwartet.

Wenn Anna Obsessed neben dem Label "Durch-Reduktion-Glänzender-Kunst-Porno" noch eine Zuschreibung verdient, wäre es die des Beziehungsdramas, denn der Film handelt nicht zuletzt auch von einem Ehepaar (Constance Money und John Leslie) mit sexuellen Problemen und diese Probleme bilden natürlich den Rahmen für sehr anregende Lösungsansätze. Die Affäre, die Constance Money mit Annette Haven anfängt ist ein solcher. Dieser Beziehung wird sehr viel Raum gegeben und somit ist Anna Obsessed auch für Freundinnen und Freunde der lesbischen Liebe sehr interessant. Was Constance Money und Annette Haven miteinander veranstalten und wie sie es tun, ist schon eine Klasse für sich. Dass ein solch hingebungsvolles Miteinander die Grundlage für weitere gute Ideen ist, ist naheliegend und so kommt es z.B. gegen Ende sogar zum erlösenden Dreier mit den bezaubernden Damen und dem Ehemann. Ein schöner Film, vielen Dank!

 

Regie: Martin & Martin

Darsteller/Innen: Annette Haven, Constance Money, Jamie Gillis, Susan McBain, John Leslie, u.a.

Laufzeit: 74 Minuten

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